Wenn das Meer die Berge küsst!

Immer steiler erheben sich die Steinwände zu beiden Seiten. Was mit lieblichen grünen Hügeln, voll Nadelholz und dünnen Birken, roten Sommerhäuschen und in der Sonne glitzernden, ruhigen Buchten, begonnen hat, ist mehr und mehr dem Eindruck von alpinen Hochgebirge gewichen.

Freilich, bei Höhen von 800 bis 1500 Metern kann kaum die Rede von alpinen Hochgebirge sein, doch Norwegen braucht keine schwindelerregenden Höhen, um schneebedeckte Bergwelt oberhalb der Baumgrenze zu zeigen. Um, mit sich hinaufwindende Klettersteige zu atemberaubenden Aussichtspunkten zu locken und, um karge, ums überleben kämpfende Vegetation, großzügig mit – in der Sonne glitzernden – Wasserfälle und mächtigen Gletscherarme präsentieren zu können. Denn hier gibt’s das ganze schon in Höhen, in denen man zuhause im Alpenland eher „bessere“ Hügel, saftige Koppeln und schöne Wälder findet.

Und, wie um nicht alle steilen Berghänge dem Auge der Menschen so einfach zugänglich zu machen, hat der bösartige „Draug“ – Schrecken aller Fischer und Wiedergänger derer, die in den Fluten ertrunken sind – einen Teil der Täler mit seinen eiskalten Fluten gefüllt und Platz für seine Schützlinge unter der Wasseroberfläche geschaffen.
Doch der norwegische Troll der Meere ist gemütlich gestimmt und langsam schiebt sich La Belle Epoque bei strahlendem Sonnenschein dem Ende des Fjords entgegen, während wir die vorüberziehende Kulisse bestaunen und der Salzgehalt unter ihren Kiel stetig abnimmt.
Ruhig ist es hier. Die Saison hat noch nicht begonnen. Kein hektisches Touristenboot kreuzt unseren Kurs und in freundlichem Gleichmut empfängt uns Lysebotn, wo sich das Leben um ein Kraftwerk dreht. Ein Wasserkraftwerk, das so geschickt in den Berg gebaut wurde, dass es der Schönheit des Tals nichts anhaben kann. Ruhig, bis auf das Getöse des Wasserfalls, der, am östlichen Ende des Fjords, sein kaltes Schmelzwasser ins Tal rauschen lässt.
Wir liegen im duftenden Gras, blicken auf die steile Felswand über uns. Der Kjerag. Das Wetter soll stabil bleiben. Morgen wollen wir die Aussicht von oben genießen, mal sehen, ob wir den Weg hinauf finden, denn der Schnee hängt nach wie vor dicht in den Felsspalten und die Bergstrasse ist immer noch gesperrt.

Ein Rucksack voll Tee und Jause, Windjacken und Trockenfrüchte zum Naschen, in dem anderen die Fotoausrüstung. Sonnencreme und Lippenbalsam aufgetragen, die Wanderschuhe an den Füssen und schon stapfen wir der kleinen, sich in die Höhe schraubenden, Bergstrasse entlang. Der grobe, über ein Kilometer lange und nur eine Fahrspur breite Tunnel, in dessen Dunkelheit wir uns langsam den Weg suchen, erstaunt uns. Nur die wenigen Schilder, die alle paar hundert Meter ein Notruftelefon und einen Feuerlöscher ankündigen, sind beleuchtet, kalt und feucht strahlt der Fels rund um uns und die Tropfen, die stetig auf den alten Asphalt klopfen, hallen laut und dumpf. Kleine Geröllstücke knirschen unter unseren Schuhen, der gesperrte Tunnel wurde sicherlich den ganzen Winter nicht benützt und das lose Geröll muss erst weggefegt werden, bevor die ersten Autos der heurigen Saison kommen.
Beim Cafe Øzsgardssstølen – das für den Winter mit Brettern vernagelt ist – machen wir den ersten kleinen Stop. Eine Tasse warmen Tee und eine Handvoll getrockneter Äpfel und Zwetschken stärken, während wir unser winzig kleines Schifferl weit unter uns suchen. Ab hier gibt’s keinen schönen Weg mehr, ein Kletterpfad – gekennzeichnet mit kleinen roten T´s und unzähligen Steinpyramiden – wird uns zum Gipfel des Kjerags führen. Doch der Weg ist noch weit. Über Schneefelder, vom Schmelzwasser sumpfige Ebenen wandern wir uns über zwei Bergrücken und durch zwei Täler vorwärts, bis wir endlich und mit schmerzenden Füssen auf den hohen, senkrechten Klippen über den Fjord stehen. Wahnsinn, was für eine Aussicht.
Den Abend zurück an Bord stoßen wir mit dem letzten Tröpfchen Schnaps an Bord an, doch bald schon fallen wir in die Kojen.
Fjordsegeln kostet Geduld. Da, ein Windhauch – und rauf mit der Genua – hinter der nächsten Biegung dreht er – halsen – oder nein, kreuzen, oder doch nicht? Nein, wieder kein Wind mehr. Raus mit der Angel! Aber nein, jetzt arbeitet Strömung gegen uns. Wir treiben rückwärts! Also, hilfts nix, Diesel starten, Angel einholen! Oh, schau mal aufs Wasser: Wind. Sofort den knatternden Kameraden an Bord ausstellen. Segel rauf. Schnell, schnell. Oh, schau wie herrlich. Unter Schmetterling durch das ruhige Wasser. Oh je, was ist jetzt schon wieder. Warum fällt die Genua zusammen. Nein, nicht schon wieder. Kein Wind. Angel raus. Nein, nein, vergiss mal das Angeln, stell den Diesel an, so kommen wir ja nie nach draußen! Die Tages-Etmale fallen in sich zusammen. 18 Seemeilen. 24 Seemeilen. Oh nein, gibt’s denn hier nirgends einen Ankerplatz. Was? 56 Meter tief direkt an der Küste? OK, also wieder ein Steg. Na, wenigstens sind die hier nicht auf Abzocke aus. 80 Kronen für die Nacht, na, das ist ja vertretbar.
Und rein in den Hardangerfjord. Wo die Apfelbäume blühen und die Wasserfälle locken. Und weiter geht’s mit Segel rauf, Segel runter, Motor ein, Motor aus. Langsam sehnen wir uns nach einer richtig langen Ozeanstrecke... aber halt, Blödsinn. Hier ist es wunderschön, die schneebedeckten Berge glänzen im Abendlicht, die Fjordpferde sehen uns neugierig bei unseren Wanderungen nach und in der Luft liegt der berauschende Duft von nassen Felsen und moosigen Weiden. Ja, wir bleiben noch ein bisschen. Tut uns ja gar nicht schlecht, uns auch die Füße mal ordentlich zu vertreten!







































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Dann gehts erstmal raus. Die Eisdecke unter dem Waschbeckenabfluss gehört freigestochen, der Steg abgeschaufelt. Wir testen, ob uns die Eisdecke trägt und laufen ein paar Runden um die Schiffe. Endlich blitzt die Sonne durch die Nebeldecke und vertreibt auch schon bald die letzen Nebelschwaden. Nur noch selten begrüßt uns die Sonne mit ihren warmen Strahlen und zur Feier des Tages machen wir einen Spaziergang entlang der Donau. 

